Detlef Cordes

Aggressionen und Ängste lebbar machen

September 17th, 2007 · No Comments

Mein Laptop ist mal wieder kaputt und ich bearbeite meine Seiten aus dem sogenannten Internet-Kaffee in der Nachbarschaft.

Hier geht´s sehr munter zu. Die meisten Erwachsenen haben ihren eigenen Rechner (wenn der nicht gerade den Geist aufgegeben hat [hoppla: sagte ich gerade, Computer haben Geist? Schönen Gruß vom Herrn Hegel]): wo war ich?

Die meisten Erwachsenen haben einen Computer, also sind es die Kinder, die hier im Internet-Kaffee ihr Taschengeld im wahrsten Sinne des Wortes verballern.

Das ist ein durchaus soziales Unterfangen. Man kann die Rechner zusammenschließen und schon geht´s los: “Wir beide gegen Hakan und Ayse.” - “Nein wir wollen nicht schon wieder die Bullen sein!”

Die Kinder (mehr Jungen als Mädchen) sind mit Feuereifer dabei. Hier werden Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Tastatur und Maus spielerisch erworben. “Du bist tot! Ich hab dich erwischt!”

Offensichtlich befriedigt dieses Spiel tiefe Bedürfnisse. Wo können Kinder sonst ihre Aggressionen so unbehelligt ausleben? Wo können sie Abenteuer erleben? Auf dem sogenannten Abenteuerspielplatz, der ebenfalls um die Ecke kostenlos zu Verfügung steht? Offensichtlich bietet das Ballerspiel am Computer einen Mehrwert, der das Taschengeld wert ist.

Bevor die Erwachsenen jetzt sagen “erschütternd, das wollen wir jetzt aber mal verbieten” sollte man vielleicht mal die Kinder fragen: was ist hier so toll? Was gibt es hier, was es auf dem Spielplatz nicht gibt?

In meinen Konzerten habe ich die Erfahrung gemacht, dass bereits Kindergartenkinder jede Gelegenheit nutzen, sich großer Angst und Aggression spielerisch zu nähern.

Die beliebtesten Tiere sind Krokodil, Löwin, der Stier auf dem Bauernhof und die Tiger. Oft wird ein Lied über einen Drachen gewünscht, obwohl ich das gar nicht im Repertoire habe. Gerade bei kleinen Jungen geht es bei gespielten Liedszenen meistens darum, andere in furchtbarer Gestalt zu bedrohen und zu erschrecken.

Diese Bedürfnisse und Gefühle sind da. Man zaubert sie (leider) nicht weg, indem man sagt: “Probleme löst man nicht mit Gewalt. Probleme löst man, indem man miteinander spricht.” Es ist nicht an uns Erwachsenen, Aggressionen und Ängste zu zensieren, sondern sie gefahrlos in sicheren Räumen lebbar und erfahrbar zu machen. Ich versuche in einigen Kinderliedern und Geschichten, diese Räume zu schaffen.

Tags: Aggression · Kinder

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