Detlef Cordes

Musik & Video

Kein Alien

06. 11. 07

Henryk M. Broder schrieb im Spiegel, das einerseits die Nazis allabendlich im Fernsehen in Betrieb sind in “Dokumentationen”, “Doku-Soaps” und Berichten von “Zeitzeugen”, dass der Nationalsozialismus aber andererseits ein “Phänomen jenseits von Raum und Zeit” sei. Und dann folgt der geniale Broder-Satz von den Nazis, die als Aliens Deutschland 12 Jahre besetzt hielten. Ich zitiere ihn nicht, lesen sie selbst.

Sie kamen von nirgendwo und sie verschwanden nach nirgendwo. “Und was uns als handfest erschien, das schmolz wie Atemhauch im Wind” könnte man mit Shakespeares MacBeth sagen.

Der Publizist Ralph Giordano spricht von der “zweiten Schuld” der Deutschen und ihrer Unfähigkeit, sich zu ihrer Schuld zu bekennen.

Klar: “DER NATIONALSOZIALISMUS” wurde in der Schule bis zum Erbrechen durchgekaut. Aber: Der Nationalsozialismus - das waren halt die Nazis. Aber was unsere älteren Lehrer in dieser Zeit gemacht hatten, das wurde in den 60ger und 70ger Jahren nicht thematisiert.

Die Klasse fuhr 150 Kilometer nach Berlin, um sich den Bendlerblock [Link zu Wikipedia]und die Stelle anzuschauen, wo die Widerstandskämper des 20. Juli erschossen wurden - ins 30 Kilometer entfernte Bergen-Belsen sind wir nicht gefahren.

Bei einem Seminar der Deutschen Postgewerkschaft wurde ich über die Geschichte der Deutschen Postgewerkschaft so aufgeklärt: “Gewerkschafter sind immer auf der Seite der fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte und können also nie Faschisten sein.”

Genauso einfach hat es sich die SED gemacht.

Das Bundeskriminalamt arbeitet jetzt seine Geschichte auf und enthüllt immerhin, dass in den ersten Jahren des Amtes von 47 leitenden Persönlichkeiten lediglich 2 keine Nazis waren, wie Heise Online berichtet.

Aber diese Enthüllungen tun heute wahrscheinlich niemandem mehr weh. Zu Beginn der 50ger Jahre hätten sie das Klima in der Bundesrepublik ändern können.

In meine Zeit bei der Post fällt auch die einzige Begegnung mit einem Menschen, der sich mir gegenüber tatsächlich zu seiner Rolle in der Zeit zwischen 1939 und 1945 bekannt hat. Nicht politisch korrekt und distanziert - dafür ehrlich, authentisch und auf eine Weise, die mir die Sprache verschlug.

Über die Begegnung mit Ernstl habe ich folgende Geschichte geschrieben:

Ich höre ihm gern zu, wenn er erzählt.
Ich mag die Art, wie er die Wörter betont, seine Satzmelodien.
Er bezeichnet sich als Ur-Wiener.
Er ist weit über 60 und hat große Schwierigkeiten beim Gehen.
Weil die Rente nicht ausreicht, arbeitet er als Bote in einem großen Betrieb.
Morgens kommt er zu mir, um das Postfach zu leeren.
Abends liefert er die Post der Firma ein.
Ich muss die Einschreiben abstempeln.
Im Weltkrieg ist er U-Boot gefahren.
“Da hast du ja Glück gehabt, dass du heute hier stehst”, sage ich.
Er lacht bitter auf: “Schau mich an und sag, ob ich Glück gehabt habe.”
Ob er keine Angst gehabt hätte im U-Boot?
“Aber niemals!” sagt er, “Wir waren doch alle glühende Nazis. Wir waren alle fanatisch. Wir haben nur für den Hitler gelebt und gekämpft.”
Ich bin sprachlos. Ich wende mich den Einschreiben zu und beginne, sie Stück für Stück abzustempeln.
“Ja, das gefällt dir nicht, gell? Ihr jungen Kerle könnt das nicht verstehen. Wir haben einen Glauben gehabt damals. Der hat uns Kraft gegeben.” Ernstls Augen leuchten.
Ich gebe ihm sein Einschreibbuch mit den ordnungsgemäßen Eingangsstempeln. Er legt es in seine abgeschabte Botentasche und sagt: “Na dann tschüss! Arbeite nicht mehr so viel heute!”
Ich sage: “Tschüss Ernstl. Schönen Feierabend.”
Ernstl schlurft durch die frisch renovierte Schalterhalle davon.
Der nächste Kunde will ein Paket nach Linsengericht aufgeben.

Ende der Geschichte: argumentativ habe ich versagt. Aber Ernst war bisher der einzige, der mir ehrlich und offen gesagt hat, was er damals empfunden hat. Nota bene: damals. Und Ernstl ist kein Alien.

Tags: Menschen

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