Soldat werden oder nicht? Diese Frage stellte sich mir im Jahr 1979. Ich hatte mich entschlossen, zur Bundeswehr zu gehen, was die meisten meiner Freunde und Bekannten nicht verstehen konnten:
“Die freiheitlich demokratische Grundordnung verteidigen? - Wie bist du denn drauf?“
Die Briefträgerin, die mir den Einberufungsbefehl zustellte kannte ich aus dem Jugendzentrum. Sie übergab mir das Einschreiben vom Kreiswehrersatzamt Stade mit den Worten (Originalton):
“Da. Steck´s dir in den Hintern.”
Ich machte die Grundausbildung in Buxtehude, verweigerte nach 2 Monaten den Wehrdienst und absolvierte dann den Zivildienst als Krankenwagenfahrer. - Was war geschehen?
Ich war in Uniform, mit dem Stahlhelm auf dem Kopf, Maschinengewehr und Sturmgepäck auf dem Rücken durch das Estetal marschiert. Ich hatte mit einigen meiner Kameraden Freundschaft geschlossen und wir hatten gemeinsam die Schikanen unserer Vorgesetzten und die Härten der Grundausbildung durchgestanden - und wir hatten überlegt:
Ob das bei denen “drüben” in der DDR genauso ist?
Da waren in der Volksarmee einige Kilometer östlich sicherlich Leidensgenossen, die jetzt auch das erste Mal im Leben durch den Matsch robben mussten, sich gegenseitig halfen und versuchten, gemeinsam das beste aus der Situation zu machen.
“Was machen wir hier?” fragten wir uns. - “Was würdest du tun, wenn jetzt tatsächlich “der Feind” auftauchen würde?” fragte ich mich, als ich das erste Mal am Waldrand auf Wache in einem Erdloch lag, das Maschinengewehr im Anschlag, das Gesicht zur Tarnung mit Ruß geschwärzt, den Stahlhelm mit Laub verdeckt.
Diese lebendige Erfahrung zählte mehr als alle abstrakten Güterabwägungen: erstens merkte ich, wie groß in so einer Situation die Angst um das eigene Leben ist und zweitens wie entsetzlich es wäre, jemanden, der über die vor mir liegende Wiese käme mit meinem Maschinengewehr zu erschießen.
Ich lebte innerhalb einer Gemeinschaft, die es mir ermöglichte, aus der Armee auszuscheiden, danach Zivildienst zu machen und anschließend ein Hochschulstudium aufzunehmen.
Die Briefträgerin hatte nicht recht. Soldat zu werden oder nicht ist in Deutschland und der EU eine persönliche Entscheidung, die so oder so Respekt verdient. Es gibt in Westeuropa viele gute, rationale Gründe, Soldat zu werden - und es gibt viele gute Gründe und Erfahrungen, es nicht zu tun.
In meiner Zeit bei der Bundeswehr ging mir oft Wolf Biermanns Zeile durch den Kopf, dass Soldaten alle gleich seien - ob lebendig oder als Leiche.
Vielleicht verstehe ich Wolfgang Biermann nicht richtig, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Jeder Soldat und jede Soldatin hat ein eigenes Gesicht, eigene Gefühle, eigene Ängste, eigene Gründe, Menschen, die um sie und ihn in Sorge sind.
Das war die Erfahrung, die ich als Soldat gemacht habe und die mich veranlasste, kein Soldat mehr zu sein.
Und darum mag ich dieses Lied “Morgenrot” - trotz der letzten Strophe - weil es genau diese Erfahrung anspricht.
2 Kommentare bis jetzt ↓
1 Klaus aus Afghanistan // Feb 6, 2008 at 2:36 pm
[...] Wenn eine Partei, die ich gewählt habe Menschen in den Krieg schickt, dann habe ich neuerdings als Wehrdienstverweigerer ein schlechtes [...]
2 Tarot, Herrscher, Musterknaben // Mar 9, 2008 at 3:23 am
[...] der Staat uns gegenübertritt wird es oft unangenehm und schmerzhaft, wie beim Grundwehrdienst, bei den Steuern oder Radarkontrollen. Für mich alles Aspekte der Tarotkarte des [...]
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