Detlef Cordes

Musik & Video

Im Wartezimmer

10. 01. 08

Im Grunde einfach

Das Verhalten in Wartezimmern ist äußerst komplex. Die meisten Menschen lesen gerade, wenn ich reinkomme. Trotzdem sage ich “Guten Tag”. - Ist klar: das macht man, wenn man einen Raum betritt. Obwohl: eigentlich stört man ja die, die da lesen. Wenn ich den Lesesaal in der Unibibliothek betrete begrüße ich die Anwesenden schließlich auch nicht. Aber im Wartezimmer: immer grüßen.

Dann muss man sich meistens im Wartezimmer den Mantel ausziehen. Eisiges Schweigen. Man macht im Grunde eine Performance vor all den Leuten. Die gucken jetzt alle heimlich hinter ihren Illustrierten vor und beobachten, wie ich meine Mütze und den Schal in den Ärmel stopfe. Prompt fällt der Schal runter. Dann muss ich noch einen Platz an der Garderobe für meinen Mantel finden und alle gucken, ob ich eventuell ihr Kleidungsstück berühre oder gar etwas rausnehme.

Endlich kann ich mich hinsetzen. Ich lese nie in Wartezimmern. Ich gucke, was die anderen Leute machen oder überlege mir, warum sie wohl da sind.

Wenn ich schließlich die Arztpraxis verlasse, wird es im Wartezimmer erst recht schwierig. Während ich im Behandlungsraum war, sind vielleicht neue Wartende hinzugekommen. Muss ich jetzt wieder grüßen, wenn ich aus dem Behandlungsraum ins Wartezimmer komme?

Wartezimmer-Senior

Im Gegenteil: eigentlich müssten mich diejenigen, die in der Zwischenzeit neu angekommen sind grüßen. Weil sie ja neu sind und ich vorher da war und gewissermaßen die Wartezimmer-Seniorität habe. Sie sehen ja, dass ich keinen Mantel anhabe, also nicht von draußen kommen kann. Spätestens, wenn ich meinen Mantel von der Garderobe nehme merken sie:

“Aha, das ist einer von denen, die vor mir da waren. Ein Wartezimmer-Senior. Der braucht mich nicht zu grüßen. Aber ich hätte ihn eigentlich grüßen müssen.”

Mein Fazit:Ich grüße nicht, wenn ich aus dem Behandlungszimmer komme und erwarte nicht, dass ich gegrüsst werde.

Ich hole Schal und Mütze aus dem Mantelärmel und muss mich jetzt wieder vor dem ganzen Wartezimmerpublikum anziehen. Das kann ich umgehen, indem ich Mantel, Schal und Mütze nehme und damit auf die Toilette gehe. Dann brauche ich den Menschen im Wartezimmer auch nicht “Auf Wiedersehen” zu sagen, weil ich mich ja noch nicht verabschiede, denn ich gehe ja aufs Klo.

Allerdings ist es merkwürdig, Mantel, Schal und Mütze mit in die Toilette zu nehmen. Dann gucken die Sprechstundenhilfen. In der Toilette kann ich meistens den Mantel auch nicht so gut anziehen.

Wartezimmer-Schatten

Also ziehe ich mich im schweigenden Wartezimmer an, obwohl natürlich wieder alle gucken und darauf warten, dass ich endlich fertig werde oder ob vielleicht einer ihrer Mäntel bei meiner Aktion von der Garderobe fällt. Das ist das Schlimmste, was passieren könnte - ist mir aber noch nie passiert.

Wenn ich mich angezogen habe und das Wartezimmer verlasse sage ich nie “Auf Wiedersehen”. Weil ich die Wartenden ja nicht wiedersehen will und weil sie mich gerade alle tierisch genervt haben.

Den Sprechstundenhilfen sage ich “Auf Wiedersehen”, denn die werde ich ja wiedersehen. Außerdem müssen die mir “Auf Wiedersehen” sagen, denn ich bin ja schließlich Patient.

So einfach ist das.

Blumen

Tags: Gesundheit · Menschen · Persönlich

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